Der moderne Ablasshandel

Ich habe gerade einen sehr schönen Artikel von Christian Stöcker bei Spiegel-Online über den modernen Ablasshandel gelesen. Dem kann ich so zustimmen.

Es beschäftigt mich schon seit längerem, was Menschen veranlasst, sich im Prinzip irrational zu verhalten und beispielsweise zu glauben, dass die Welt gerettet wird, wenn sie Weltretter-Schokolade konsumieren. Einerseits ist das ja ein schöner Zug, eine gute Idee. Andererseits ist der Effekt äußerst gering.

Ich habe auch schon erlebt, wie vegetarische Ernährung dadurch praktiziert wurde, dass Hühnersuppe ohne Fleisch gegessen wurde. Ist das jetzt moralisch besser, weil man auf das Fleisch in der Hühnersuppe verzichtet. Kann man dadurch, dass man Eier konsumiert, die Welt besser machen, als wenn man ein ganzes Brathuhn isst? Wo bleiben die männlichen Küken? Was passiert mit den alten Hennen? Und noch völlig verrückt dabei ist, dass bestimmte Zuchtlinien von Hühnern auf möglichst hohe Legeleistung und andere Zuchtlinien auf möglichst gute Mastleistung gezüchtet werden.

Oder das andere Thema: Milch. „Ich esse kein Fleisch, ich esse nur Milchprodukte“, habe ich auch schon mal gehört. Nun, damit eine Kuh Milch produziert, muss sie ein Kalb bekommen. Ist ja eine Grundtatsache des Lebens. Was passiert mit dem Kalb? Was passiert mit Bullenkälbern? Und, kann ein Milchbauer jedes Kuhkalb behalten? Insofern ist die ganze Rechnung nicht vollständig.

Man kann darüber jetzt lange diskutieren und ich habe das auch schon zur Genüge getan, aber wenn man sich für einen bestimmten Konsum entscheidet, dann sollte man auch die Konsequenzen bedenken, und, vor allem, man wird dadurch kein sündenfreier Mensch und insofern gibt es keinen Grund für irgendeine moralische Überheblichkeit.

Selbstverständlich ist die Ernährung aus tierischen Produkten ungeheuer energie- und flächenintensiv. Massentierhaltung sorgt auch zu einem großen Anteil dafür, dass klimaschädliche Treibhausgase wie z.B. Methan in die Atmosphäre gelangen. Das ist ja sicher klar. Deshalb ist es sicher wünschenswert, wenn weniger Nutztiere gehalten werden und stattdessen auf den freiwerdenden Futterflächen pflanzliche Nahrungsmittel für den menschlichen Verzehr angebaut werden. Das führt sicherlich zu einer besseren Verwertung der Fläche. Hierzu hat auch der WWF eine phantastisch gute Broschüre mit dem Titel „Fleisch frisst Land“ veröffentlicht.

Rinder-, Schaf- oder Ziegenhaltung dort, wo es absolutes Grünland gibt, wo eben nichts anderes geht, das ist aber eigentlich gar kein ökologisches Problem. Dann ist es auch kein Problem, wenn es eben in Maßen Milch oder Fleisch auf dem Tisch gibt.

Aber die Regenwälder im Amazonas zu roden, um dort Sojabohnen für die Hochleistungskühe in Europa anzubauen, oder als Futter für die Massentierhaltung von Schweinen, das ist sicher kein Zukunftsmodell. Deshalb wäre ich dafür, diese Futtermittelimporte in die EU zu verbieten oder mit so hohen Zöllen zu versehen, dass sich nur noch der menschliche Verzehr rechnet. Wir würden dann Fleisch und Milch aus heimischen Futtermitteln erzeugen müssen. Das würde zu einem starken Rückgang der Tierhaltung in Europa führen und sie würde sich nicht auf wenige Gebiete konzentrieren, die nah an den Häfen liegen, wo diese Futtermittel importiert werden. Damit würden sich auch die Gülleprobleme in Norddeutschland erledigen.

Insgesamt also bin ich der Meinung, dass nichts, was wir essen, irgendwie moralisch problematisch ist, aber ich bin der Ansicht, dass die Globalisierung der Agrarmärkte moralisch und ökologisch problematisch ist. Man löst das leider nicht durch individuelles Verhalten. Allerdings ist es sinnvoll, den eigenen Fleischkonsum einzuschränken, schon aus gesundheitlichen Gründen. Schließlich hat sich der individuelle Fleischkonsum in den letzten 100 Jahren verdoppelt. Das kann man auch ohne Probleme wieder halbieren.

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